Beispiel: Premiumwanderweg Wiesensteig

 

Das Logo des Wiesensteigs. Copyright: Roland Schmellenkamp

Der “Wiesensteig” bei Bad Griesbach ist der einzige Wanderweg in der Ortenau, der mit “Premium” zertifiziert wurde.  Bietet die 9,6 Kilometer lange Strecke wirklich ein besonders schönes Erlebnis in der Natur? Wir haben es ausprobiert.

Von Roland Schmellenkamp

“Der Wiesensteig überzeugt durch eine stimmige Dramaturgie. Prägend sind die Abschnitte mit naturnahen Bächen und Wasserfällen sowie die namengebenden Wiesenbereiche.” So lautet das Urteil des Deutschen Wanderinstituts – doch zu Beginn unserer Wanderung sehen wir nur Straßen und Häuser, hören lautstarke Motorräder sowie Autos und gehen über Bitumen.

Wir sind nämlich per Bahn angereist, aber der offizielle Beginn des Wiesensteigs ist am Weiherplatz und nur mit Auto zu erreichen – oder man läuft wie wir vom Bahnhof aus dorthin. Trotzdem ist die Anfahrt mit der S-Bahn nach Bad Griesbach empfehlenswert: Zum einen “öko”, zum anderen wird im Kontrast mit den belebten Straßen der Wanderweg besonders schön.

Auf dem Bahnhofsvorplatz sind Geländekarten angebracht. Wir müssen im Ort an der Rench entlang hoch laufen, um zum Wiesensteig zu gelangen. Als wir bei der Firma “Schwarzwaldsprudel” vorbeikommen, freuen wir uns darüber, im Glashäuschen unsere Wasservorräte auffüllen zu können. Doch aus den Rohren kommt zuerst nichts, dann kurz ein dünner Strahl – immerhin genug für eine Flasche. Am Hotel “Adlerbad” biegen wir links ab. Quer über die Straße hängt ein großes Banner, das eine “kulinarische Wanderung” am Sonntag, 18. September, ankündigt.

200 Meter weiter an einem Gasthof beginnt der Wiesensteig, sozusagen rechts unten auf der Karte, die man von der Homepage der Gemeinde herunter laden kann. Auf der fehlt der Hinweis, wo Norden ist – ein Standard auf Karten! Es gibt jedoch eine Grafik für die Höhenmeter: 390 hoch und 390 wieder herunter. Wir sind bisher ab Bahnhof einen guten Kilometer gelaufen, 9,6 des Wiesensteigs folgen. Nun nehmen wir die empfohlene Laufrichtung, also rechts ab. Der Wiesensteig wird ab unserem Einstiegspunkt sofort seinem Namen gerecht: Es geht durch Wiesen und hoch. Ab und zu ist es steil – Gelegenheit, kurz zu verschnaufen und einen Blick zurück zu werfen. Wunderschön ist das Renchtal von hier oben: viel Wald und Wiesen, dazwischen vereinzelte Höfe.

Es geht - wie erwartet - über Wiesen.    Copyright: Roland Schmellenkamp

Es geht - wie erwartet - über Wiesen. Copyright: Roland Schmellenkamp

Weiter geht’s: Wir kommen am Gasthaus “Herbstwasen” vorbei. Auf dem Parkplatz stehen einige Autos aus der Ortenau, die meisten aus anderen Bundesländern und Frankreich. Wieso kommen so viele von weit her? Vielleicht haben sie es gemacht wie Martin und Lydia Armling aus Böblingen: Im Internet nach einem Rundweg gesucht und auf den Wiesensteig gestoßen – wobei die beiden Schwaben auch die “Premium”-Auszeichnung angelockt hatte. Die Gleichung “Zertifizierung = mehr Wanderer = mehr Gäste = mehr Umsatz” scheint aufzugehen. Die Strecke hat beiden gut gefallen, er lobt: “Sehr abwechslungsreich.”

Das mag der Wanderer: Ein mit Fichtennadeln gepolsterter Waldweg. Copyright: Roland Schmellenkamp

Dann geht es in den Wald, unsere Gruppe überquert die “Wilde Rench” auf einer kleinen Brücke. Weiter laufen wir auf einem schattigen Pfad am Flüsschen entlang hoch. Das Wanderinstitut meint: “Auf der gesamten Wanderung kann man die natürliche Stille genießen.” Da beschleichen mich Zweifel, ob die Damen und Herren des Vereins jemals in ihrem Leben in der Natur waren.

Die Wilde Rench plätschert im Wald. Copyright: Roland Schmellenkamp

 

Von wegen Stille: Das Wasser im Bach plätschert, die Blätter in den Baumwipfeln rauschen im Wind, Vögel zwitschern, Insekten summen. Die Natur macht viele Geräusche. Und wer ganz tief einatmet, kann sie sogar riechen: Eine Mischung aus Feuchte und Moder, Holz und Blättern – “Eau du Wald”.

Ein Steg über die Wilde Rench. Copyright: Roland Schmellenkamp

Weiter oben folgt ein Wehr: Die “Wilde Rench” kann damit wohl gezähmt werden, wenn sie zum Beispiel bei der Schneeschmelze zu sehr anschwillt und Griesbach gefährlich wird. Das ist eine Vermutung – schön wäre dort ein Schild mit Informationen zu dem Bauwerk. Was man noch verbessern kann: Weitere Informationstafeln an den Weg stellen zu Geologie, Baumarten, Blumen und Tieren.

 

Am Fischfelsen gibt es einen kleinen Wasserfall, auf einem Baumstumpf kann man ausruhen. Wobei man am Wiesensteig nicht auf solche Sitzgelegenheiten angewiesen ist, es gibt viele Bänke. Nun geht der Pfad steil bergan. Bisher, so sind wir uns einig, war der Wiesensteig tatsächlich “Premium”. Doch der nun folgende Wirtschaftsweg durch den Wald Richtung Renchtalhütte ist – sagen wir es offen – nichts Besonderes.
Die “Hütte” ist ein großes Gebäude, dort kann man Einkehren.

Zum Schluss geht durch Wiesen bergab. Copyright: Roland Schmellenkamp

Danach geht es – bisweilen steil, Wanderstöcke sind auf dieser Passage hilfreich, um die Knie zu entlasten – bergab nach Bad Griesbach.  Dabei blickt man oft zum Hotelkomplex auf dem Dollenberg, er gehört wie die Renchtalhütte der Familie Schmiederer.  Kreuz und quer führt der Pfad durch Wald, Wiesen und an Häusern vorbei bis zur Straße, unserem Einstiegspunkt.   

Fazit: Der “Wiesensteig” ist bis auf eine Passage auf einem Wirtschaftsweg tatsächlich “Premium”: Sehr abwechslungsreich und viele schöne Ansichten gefallen den Wanderern. Es sind zwar nur 9,6 Kilometer, aber ein wenig Kondition sollte man wegen der 390 Höhenmeter – jeweils nach oben und unten – haben. Die Beschilderung des Weges ist hervorragend, andere Informationen fehlen. Sitzbänke und Einkehrmöglichkeiten gibt es genug.
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Die Karte des Weges als PDF – mehr benötigt man nicht – und weitere Infos gibt es auf www.bad-peterstal-griesbach.de. Die Renchtalhütte hat keinen Ruhetag, “Herbstwasen” mittwochs. Man sollte drei bis vier Stunden Wanderzeit einplanen.

Information zu Premiumwanderwegen:
Der Verein Deutsches Wanderinstitut hat bislang zehn Wanderwege in Baden-Württemberg mit “Premium” zertifiziert. Der Wiesensteig hat die “Erlebnispunktzahl” 71.  Eine Wanderung in ein Punkteschema zu pressen – das hört sich seltsam an. Doch das Institut hat 34 Kriterien entwickelt, die für jeden Kilometer Weg die Aufnahme von knapp 200 Merkmalen zum Wegeformat, zur Landschaft, ihren kulturellen Sehenswürdigkeiten und zivilisatorischen Barrieren, zum Wanderleitsystem und zum Umfeld verlangen. Sie versuchen möglichst viele Aspekte des Wandererlebnisses in Zahlen zu fassen. So wird zum Beispiel ein geschotterter Weg als negativ vermerkt, Gras oder Erde positiv. Weiter soll es unter anderem mindestens zwei deutliche Änderungen der Umgebung auf sechs Kilometer geben. Bei der Zertifizierung geht es auch um Geld. Das Wanderinstitut: “Die positive Bewertung eines Wanderweges anhand des Deutschen Wandersiegels ist im Verein mit einer professionellen Vermarktung nahezu eine Garantie für hohe Besucherzahlen und touristische Umsätze.” Mehr im Internet auf www.wanderinstitut.de.

3 Gedanken zu “Beispiel: Premiumwanderweg Wiesensteig

  1. Ich hatte am Samstag das Vergnügen, auf dem Wiesensteig zu wandern. Als Vielwanderer kann ich zu dem Rundwanderweg nur gratulieren. Er ist in seiner abwechslungsreichen Vielfalt sehr gelungen.

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