Beispiel: Reportage Kletterhalle

Von Roland Schmellenkamp

„Gummibärchen“! Wie peinlich! So heißt die Kletterroute, die ich in der Halle des Alpenvereins in Offenburg als erste bewältigen soll. „Ist das nicht für Kinder?“, will ich wissen. Meine persönliche Instruktorin Kerstin Börschig schmunzelt und meint: „Nicht unbedingt.“ Hoffentlich schaut jetzt keiner von der Seniorengruppe bei meinem ersten Versuch zu, die grauhaarigen Herren trainieren gerade. Mit dabei ist Walter Steurer aus Gengenbach-Bermersbach, der 80 Jahre alt ist – und wie ich sehe, anspruchsvolleres als „Gummibärchen“ schafft.

Zurück zu meiner Aufgabe: Wie komme ich am besten nach oben? Die Übungsleiterin: „Nicht nur die Arme benutzen. Die Kraft ist in den Beinen.“ Also mit den Händen festhalten, mit den Beinen das Gewicht nach oben stemmen. Zuletzt bin ich als Jugendlicher auf einen Baum geklettert. Äste wachsen aber nicht aus der Hallenwand, statt dessen gibt es künstliche Griffe. Hunderte sind über mir an der Wand angeschraubt. Ich darf bei „Gummibärchen“ nur die grünen benutzen – und davon gibt es ziemlich viele. Deshalb ist die Route auch leicht: Je mehr Griffe es gibt, je enger deren Abstände und je handgerechter sie geformt sind, desto leichter ist der Aufstieg.

Die ersten Meter nach oben lege ich in Sekunden hinter mich. „Kinderkram“, denke ich, denn es gibt überall Möglichkeiten, Hände und Füße zu verankern. Doch nach fünf Metern wird es schwieriger: Manche der Griffe sind verdammt klein, die kann man nur mit zwei, drei Fingern greifen, die Abstände werden auch größer. Jetzt rutscht das Sicherungsseil seitlich gegen meinen Kopf, bleibt kurz am Brillenbügel hängen – fast saust die filigrane Sehhilfe nach unten. Eine stabile und fest sitzende Sportbrille wäre gut.

Ich schaue auf halber Höhe nach oben und überlege kurz, wo ich mit der linken Hand am besten greife, damit ich einen Fuß nachziehen kann, mit einem Bein meine 85 Kilo weitere 30 Zentimeter nach oben wuchte und dann mit der rechten Hand wieder eine Griffmöglichkeit habe.
Wobei ich wie schon geschrieben nur die grünen Griffe benutzen darf, obwohl gerade jetzt einige gelbe für mich nützlich wären. Aber die gehören zu einer anderen Route – deshalb ist es an den Hallenwänden so bunt: Jede Farbe steht für eine Aufstiegsvariante, es gibt über 1000 Griffe.
Glücklicherweise haben alle eine rauhe Oberfläche und viele Fingerlöcher, nichts ist rutschig wie oft in der Natur. „Bringt das Training an so einer Kletterwand überhaupt etwas für den Berg?“ überlege ich kurz. Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Volle Konzentration! Erst mal weiter nach oben! Und schon bin ich an der Decke unter den Leuchtstoffröhren angelangt. Mir steht Schweiß auf der Stirn, der Atem geht etwas schneller. Blick nach unten: 15 Meter tief. Psychologisches Phänomen: Als ich hochgeschaut hatte, sah die Entfernung kleiner aus. Liegt wohl daran, dass man nicht hoch fallen kann…

Und jetzt geht es wieder herunter: Kerstin Börschig ruft etwas, ich verstehe es aber nicht, es hallt in der Halle stark. Macht nix. Wir hatten nämlich vor dem Aufstieg besprochen, was ich oben tun soll: „Zu!“ rufen, dann warten, bis sie das Seil straff zieht. Unten bin ich nämlich in einen Klettergurt hineingestiegen wie in eine Hose: Zwei Gurte am Oberschenkel, einer umschließt wie einen Gürtel die Hüfte. Daran hängt das Sicherungsseil. Ich bin oben an der Decke an einem Haken gesichert, der hält eine Rolle, durch den das Seil zu mir und zu ihr läuft. Ich setze mich in den Klettergurt. Ein mulmiges Gefühl, in 15 Metern Höhe an dem Seil zu hängen, das meine Lehrerin jetzt langsam lockerlässt – und schon geht es nach unten. Ein etwas mulmiges Gefühl. Gut zu wissen, dass an der schlanken Trainerin mit einer Leine ein 15-Kilo-Sack befestigt ist. Damit die Frau nicht nach oben schnellt, wenn sozusagen meine 85 Kilo an ihr ziehen… Beine durchgestreckt, Füße an die Wand, Gehbewegungen – und ein paar „Schritte“ später bin ich wieder auf dem Hallenboden.
Übrigens: Die andere Variante für das Sichern ist statt des Hakens an der an der Hallendecke das „Vorstiegsklettern“: Alle paar Meter hängt man das Seil in eine neue Sicherung.

Nun bin ich mutig geworden: „Und jetzt möchte ich eine Route versuchen, den Sie mir gerade so zutrauen!“ Kerstin Börschig schmunzelt. „Gummibärchen“ hatte Schwierigkeitsstufe 4 – wobei der höchste Schwierigkeitsgrad 11 ist.

Bevor wir ans „Extrembergsteigen“ gehen, möchte ich wissen, wie sie meine Leistung einschätzt. „Gut. Mache Leute bekommen ein mulmiges Gefühl und verkrampfen sich.“ Was ich noch verbessern soll: Mit den Fußspitzen auf die Griffe stellen, nicht nur mit dem Seitenbereich des Fußes. Die speziellen Kletterschuhe für Hallensport, die ich erhalten habe, sind nämlich steif und überall sehr griffig. Man kann sozusagen auf den Zehenspitzen mit wenig Kraftaufwand in der Wand stehen.

Kerstin Börschig (40) erklärt, dass es in den vergangenen Jahren viele kleine Innovationen beim Material gegeben habe. Und dass Klettern ein Breitensport geworden ist, der anders betrieben wird als vor zwei, drei Jahrzehnten: Damals war man nur vom Frühjahr bis Herbst im Fels oder auf den Bergen, heute wird ganzjährig in Hallen trainiert. Und die gibt es vor allem in Städten: „Es ist ein urbaner Sport geworden, den man nach Feierabend betreibt.“ Außerdem betont sie, das in einem Kletterkurs für Anfänger zuerst Stunden Knoten und Sicherheitstechnik geübt werden – erst dann werde geklettert.

Mir fällt wieder ein, was ich mich in der Wand gefragt hatte: „Bringt das Klettern in der Halle überhaupt etwas für Touren in der Natur? Schließlich haben Felsen nicht immer gut greifbare Oberflächen und es sind auch keine Griffmöglichkeiten gekennzeichnet.“ Die ehrenamtliche Übungsleiterin: „Es hat einen Trainingseffekt für Kraft und Ausdauer, man übt das Handling vom Seil, wird sicherer und es ist gut für die Mentalität.“ Mit dem Hallenklettern sei das Leistungsniveau gestiegen. Und wie ist sie zu dem Sport gekommen? Sie habe, erzählt die Gymnasiallehrerin aus Offenburg, selbst im Alter von 24 Jahren einen Anfängerkurs beim Alpenverein belegt. Und seitdem klettert sie nicht nur in der Halle: Ihr größtes Erlebnis war die Besteigung des Khan Tengri in Kasachstan, er ist 7010 Meter hoch.

Den will ich zwar nicht hoch, aber hier eine schwere Strecke nach oben schaffen. Die tragen Namen wie „Fingerkracher“ und wurden von Vereinsmitgliedern entworfen.  11 ist der höchste Schwierigkeitsgrad – wie wäre es mit 10? Doch die Trainerin schlägt eine Route mit Schwierigkeitsgrad 6 vor.  Wir warten noch, bis Walter Steurer wieder unten ist, der Senior hat es problemlos bis ganz nach oben geschafft. Die Griffe sind alle recht groß – das Schwierige ist, dass ein Teil der Wand überhängt. Den Abschnitt schaue ich mir genau an. Mmmh. Da könnte ich scheitern.
Im ersten Teil mit senkrechter Wand läuft es gut. Nun bin ich in drei Metern Höhe. Kurz muss ich an Reinhold Messner denken. Der stürzte nämlich genau aus dieser Höhe folgenschwer. Das nicht auf einem Achttausender, sondern daheim von einer ordinären Mauer: In feucht-fröhlicher Stimmung wollte er nach einem üppigen Abendessen eine drei Meter hohe Mauer seines Schlosses Juval bei Meran in Turnschuhen überklettern. Er rutschte ab – das rechte Fersenbein wurde beim Aufprall zertrümmmert.

Weiter geht’s. Jetzt fängt der überhängende Teil der Wand an. Den ersten halben Meter schaffe ich problemlos. Meine Armmuskeln sind voll angespannt. Ich muss aufpassen, dass ich nicht mit den Füßen abrutsche, dann würde ich sofort von der Wand wegpendeln, müsste mich nur mit den Händen halten. Ein Bein durchstrecken, es geht wieder aufwärts. „Spannung halten!“ hat mir vor dem Aufstieg Kerstin Börschig empfohlen. Mache ich!  Doch jetzt fangen die Arme an zu zittern. Noch einen halben Meter weiter bis zu der schwierigen Stelle. Ich komme dort nicht mehr weiter, wie schon unten befürchtet.
Das wars. Ende. Finito.

„Zu!“ rufe ich nach unten, das Seil wird straff, ich setze mich in den Gurt. „Ab“ sage ich laut – und schon läuft das Seil über die Umlenkrolle an der Decke. Sekunden später stehe ich wieder auf dem Hallenboden.
Kerstin Börschig gibt mir den Tipp: „Immer die Umlenkrolle als Ziel vor Augen haben mit dem Gedanken „Das schaffe ich“. Nicht an die Stelle denken, wo ich scheitern könnte.“

Das hätte sie mal früher sagen sollen! Aber den Rat werde ich bei der nächsten Route beherzigen…

 

INFOBOX
Das zweite Kletterzentrum des Offenburger Alpenvereins in der Rammersweierstraße 9 hat 1,4 Millionen Euro gekostet und wurde im Oktober eröffnet. Es gibt innen und außen rund 250 Kletterrouten, einige auch an einem auf zwei grazilen Beinen stehende zehn Meter hohem überhängenden Turm.  Kontakt: 0781 / 948 69 698. Preise: Unter anderem für Erwachsene Nichtmitglieder 12 Euro pro Tag.  Weitere Informationen auf der Homepage www.kletterzentrum-offenburg.de.

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