Beispiel: Niedergang der Tennisvereine

Die drei Tennisvereine in Kehl und Willstätt verlieren alle Mitglieder. Intensive Jugendförderung, Zusammenarbeit mit Schulen, besondere Einnahmen und Spielgemeinschaften sind einige Rezepte, um den Fortbestand zu sichern.

Von Roland Schmellenkamp

Boris Becker hechtete den Bällen hinterher, der Zopf von Steffi Graf schaukelte lustig beim Aufschlag und die US-Amerikanerin Monica Seles stöhnte so laut auf dem Platz, dass die Zuschauer dies noch in den obersten Rängen hören konnten. Das war vor 20 Jahren. Fußball war aus der Mode, Tennis „in“ und jeder, der einen Schläger halten konnte, wollte auf dem Platz eine gute Figur machen – und wurde Mitglied in einen Tennisverein. Die Initialzündung zu diesem Boom war der Sieg von Boris Becker in Wimbledon am 7. Juli 1985. Der 17-Jährige löste damit eine Entwicklung aus, die Tennis innerhalb kurzer Zeit sowohl für Aktive als auch Zuschauer populär machte. Später wurden er und Steffi Graf Weltranglistenerste.

Doch das ist über zwei Jahrzehnte Jahre her. Boris Becker hechtet nur noch den Frauen hinterher, Steffi Graf ist heute hauptberuflich Mutter und schaukelt Kinder. Und Monica Seles? Die stöhnt zwar immer noch – aber vor Schmerzen, weil ihr Körper nach tausenden Ballwechseln verschlissen ist.
Tennis-Idole fehlen. Stars, die zum nachmachen animieren, zu „so will ich auch sein“. Und was bedeutet das für die Vereine? Die Zahl der Mitglieder schrumpft, der Altersdurchschnitt steigt bei den meisten: Die Haarfarbe auf den Plätzen ist nicht rot, schwarz oder blond wie bei den Stars von früher, sondern meist grau. Eine Folge: In Schutterwald haben kürzlich zwei Tennisvereine fusioniert. Der Zusammenschluss war verhältnismäßig einfach, weil der eine Verein kein eigenes Gelände hatte: Die Plätze waren gemietet. Dort hatte niemand ehrenamtlich Arbeit in Gebäude und Plätze investiert, deshalb konnte man sich davon lösen.
Auch in Kehl und Willstätt werden die Mitglieder in den drei Tennisvereinen weniger. Jeder Verein hat seine Plätze, seine Gebäude. Wie gehen die Vorstände mit dem Problem der schrumpfender Mitgliederzahlen und damit Einnahmen um?

Der Tennisclub Schwarz-Weiß-Kehl ist schon lange vor Boris und Co entstanden, und zwar im Jahr 1921. Ein Mitglied ist durchschnittlich 32 Jahre alt. Der statistische Wert trügt jedoch: Es fehlt jedoch genau die Altersgruppe von 30 bis 50: Es gibt nämlich viele ältere, aber auch rund 180 Jugendliche. Wies so viele? Präsident Max-Reinhard Felde: „Weil wir hervorragende Jugendabeit leisten.“ Seit 1,5 Jahren gebe es mit Goran Gerdijan und seinem Bruder Milan sehr engagierte Trainer. Der geht zum Beispiel in die Grundschule und macht dort Tenniswochen. Also alles im grünen Bereich beim TC Schwarz-Weiß? Felde schüttelt den Kopf:  „Ein Großteil unserer Jugendlichen macht Abitur. Danach bekommen wir ein Scheiben, darin steht zum Beispiel: „Mein Sohn Heinz studiert ab dem Sommersemester in Trier. Hiermit möchte ich die Mitgliedschaft kündigen.“ “
Ein weiterer Grund, wieso junge Erwachsene ihre Mitgliedschaft kündigen: Die Arbeitsbelastung der Berufstätigen sei größer geworden, deshalb gehen viele zum Beispiel in ein Fitnessstudio, wo sie keine festen Trainingszeiten haben. Und Felde ergänzt: „Früher waren viele Lehrer und Juristen bei uns, eine Mitgliedschaft in einem Tennisverein hatte Sozialprestige – das ist mittlerweile im Golfclub der Fall.“ Dort wären auch einige ältere Mitglieder eingetreten, nachdem sie beim TC Schwarz-Weiß gekündigt haben. Zur Statistik: Nach dem Boom sank der Mitgliederstand beim TC Schwarz-Weiß: 2003 waren es noch 614, 2010 nur noch 526. Lichtblick: In den vergangenen vier Jahren blieb die Zahl ungefähr stabil. Was den Verein belastet, sind Tilgung und Zins für Schulden: In den Boomjahren hatte der TC beim Clubhaus nämlich nicht gekleckert, sondern geklotzt.

Der zweite Tennisverein im Raum Kehl-Willstätt ist der 1974 gegründete TC Goldscheuer. Pressewart Klaus Zeeb sagt: „Fusionen sind für uns kein aktuelles Thema, allenfalls mögliche Spielgemeinschaften ab 2012.“ Um Mitglieder zu gewinnen, gebe es mehrere Projekte: Wöchentliches kostenloses Schnuppertennis, Kooperationen mit der Grundschule sowie  Kindergärten und Wiederholung des 2010 sehr gut angekommenen „Tag der offenen Tür“.

Ende der 70er Jahre hatte der Verein über 400 Mitglieder.  Zeeb: „Seit den 90er Jahren sinkt sie kontinuierlich. Derzeit haben wir 216 Mitglieder, davon 78 Jugendliche. Die Zahl der Jugendlichen lag eigentlich immer zwischen 70 und 80 – wir verlieren sie allerdings, wenn sie ins Erwachsenen-Alter kommen.“ 2008 hatte der Verein noch 250 Mitglieder, 2009 242 und im vergangenen Jahr 227.
Sinkende Mitgliederzahlen bedeuten auch sinkende Einnahmen. Der Pressewart: „Finanziell sind wir auch auf einem guten Weg, denn durch die Installation einer Photovoltaik-Anlage auf unserem Tennishallendach und den Verkauf der Nutzungsrechte an ein Unternehmen werden wir über eine willkommene Sondereinahme verfügen.“

Zwei Jahre nach dem Wimbledon-Sieg von Becker wurde der Tennisclub Rosengarten 1987 in Willstätt.  Eine Gruppe Tennisbegeisterter machte dies, weil der Turnverein keine Sandplätze bauen wollte. Zunächst ging es steil aufwärts mit den Mitgliederzahlen: 1990 waren es 225 Erwachsene und 115 Jugendliche. Doch zehn Jahre später ist sozusagen Herbst im „Rosengarten“: Lediglich 13 Jugendliche spielen, bei den Erwachsenen sind es noch 105. Und im vergangenen Jahr zählte der Verein insgesamt nur noch 93 Mitglieder.
Kassenwart Klemens Fahrland erklärt, dass sich 2010 vier Mitglieder abgemeldet haben. Ihre Begründung: Bandscheibe, Kniescheibe oder Gelenke machen nicht mehr mit.  Er geht davon aus, das sich auch in den kommenden Jahren die Zahl der Mitglieder um jeweils ungefähr fünf verringern wird, ein Viertel ist derzeit älter als 61 Jahre.

Und Nachwuchs? „Das funktioniert bei Schülern nur gut, wenn es nichts kostet.“ Weiteres Problem ist Konkurrenz im Ort: Später hatte der TV Willstätt doch Tennisplätze gebaut, es gibt dort eine Tennisabteilung. Die beiden Vereine nähern sich an: Mittlerweile gibt es eine Spielgemeinschaft für Ranglisten. Da bietet es sich doch eine Fusion an, oder? Fahrland möchte dazu nichts sagen.
Aber wer weiß: Vielleicht wächst in Willstätt wieder zusammen, was sich vor über 20 Jahren trennte.

 

 

Der Artikel im Original.

 

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