Beispiel: Interview mit einem Deutschtürken

Von Roland Schmellenkamp

Türken gelten als ungebildet. Stimmt das überhaupt? Und kann man Menschen, deren Eltern womöglich schon in Deutschland geboren wurden, überhaupt als Türken bezeichnen? Ein Gespräch mit Ömer Aydin aus Schutterwald über Migration, Heimat, Bildung und sein Gefühl, in Deutschland zu leben. Der 24-Jährige kommt exakt zur vereinbarten Zeit ins „Schöllmanns“ in Offenburg: „Mein Vater ist sehr pingelig, wenn ich mich verspäte.“

Ich kurze Sätze. Dann du mich besser verstehen. Du arbeiten?
Ömer Aydin: Was ist Arbeit?
Wir lachen beide.

Im Ernst: Reden Leute so mit Ihnen?
Aydin (der akzentfrei hochdeutsch spricht): Wenn ich ans Telefon gehe und meinen Namen nenne, reden die Leute manchmal zuerst langsam. Es gibt andere Erlebnisse wegen meiner Herkunft: In meinen ersten zwei Wochen des Studiums stellte sich mir ein anderer Student kurz vor und fragte, ob ich Drogen besorgen kann. Ich erlebe immer wieder Schubladendenken, auch bei Akademikern, nur weil ich Ömer heiße und nicht Stefan. Deutschland ist multikulti, aber das Ding ist noch nicht durch.

Fühlen Sie sich als Deutscher oder Türke? Wie soll ich Sie bezeichnen – Deutscher, Türke oder türkischstämmiger Deutscher?
Aydin: Ich bin Deutschtürke – manchmal mehr Deutscher als Türke, manchmal mehr Türke als Deutscher.  Ich habe viele deutsche Tugenden, aber mit dem Herzen bin ich oft Türke. Was ich hasse ist der Begriff „Deutscher mit Migrationshintergrund“. Ich bin nämlich hier geboren und aufgewachsen. Was mir wichtig ist: Ich bin Deutschland dankbar. Das müsste ich eigentlich gar nicht sein, denn ich bin ein Kind dieses Staates. Ich habe eine geniale Bildung genossen.

Ömer Aydin bezeichnet sich als Deutschtürken. Copyright: Roland Schmellenkamp

Stichwort Bildung: Welchen Stellenwert hat sie in Ihrer Familie?
Aydin: „Einen sehr hohen. Ich wurde gefördert und gefördert, war aber kein einfaches Kind. In der 6. Klasse bin ich vom Gymnasium geflogen, weil ich schlecht war. Und in der 9. von der Realschule, weil ich keine guten Noten und mich schlecht verhalten hatte. Danach hatte mein Vater vier Wochen nicht mit mir geredet. Das hatte mir mehr wehgetan als Prügel, die ich übrigens nie bekommen habe. Da hatte es bei mir „Klick“ gemacht und ich begann zu lernen. Vielleicht habe ich eine Erklärung für mein schlechtes Verhalten: Kinder, die so aufwachsen wie ich, haben ein Identitätsproblem. Man weiß nicht, wo man hingehört. Soll ich mich deutsch oder türkisch verhalten? Das hat bei mir Verhaltensauffälligkeiten hervorgerufen.

Sie haben dann doch studiert, machen gerade mit 24 ihren Masterabschluss. Was motiviert Sie?
Aydin: Meine größte Motivation ist, die Tore für andere zu öffnen. Damit die Leute sehen: Ömer hat’s geschafft, das kann ich auch. Man braucht Leitbilder. Meine Schwester ist jetzt 15, sie will auch studieren.

Bei vielen Deutschen gelten Türken als eher ungebildet und auch nicht an Bildung interessiert.
Aydin: Ich habe beim Studium viele Türken kennengelernt. Wir sind jetzt da. Der Prophet hat gesagt: „Suche nach Wissen, von der Wiege bis zum Grab.“

Das „Futureorg Institut für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung“ veröffentlichte 2009 eine Studie über türkische Studenten in Deutschland. Demnach wollen 35 Prozent in die Türkei abwandern. 41 Prozent davon nennen als Grund, dass sie sich mit Deutschland nicht identifizieren können. Spielen Sie auch mit dem Gedanken, auszuwandern?
Aydin: Nein. Wenn eine Firma mir jedoch anbietet, dass ich dort drei bis fünf Jahre arbeiten kann, würde ich das machen.

Dann würden Sie wegziehen. Aus ihrer Heimat oder in die Heimat?
Aydin: Wenn unsere Familie das Burda-Hochhaus sieht, fühlen wir uns zu Hause. Meine Heimat ist Deutschland, ich möchte aber meine Wurzeln in der Türkei behalten.

Wie war das, als Sie in Schutterwald aufgewachsen sind – hatten Sie deutsche Freunde oder fast nur türkischstämmige?
Aydin: Schutterwald hat keinen großen Ausländeranteil, ich hatte in der Kindheit eigentlich nur deutsche Freunde. Türken habe ich über Moscheebesuche und über Freunde der Eltern kennengelernt.

Sind Sie denn schon denn schon mal schlechter behandelt worden, weil Sie türkischstämmig sind?
Aydin: Ich persönlich wurde noch nie benachteiligt – oder habe zumindest dieses Gefühl. Deutschland ist ein toller, gerechter Staat. Aber ein Palästinenser, der mit mir studiert hatte, hat bis heute keinen Job, obwohl andere Leute mit schlechteren Noten als er schon einen haben. Wobei ich auf dem Arbeitsmarkt viel Potential für Menschen sehe, die zwei Kulturen verstehen, wir leben in einer globalisierten Welt. Zum Beispiel kann man bei Meetings in einem anderen Land in viele kulturelle Fallen tappen. 

Anders Thema: Sind Frauen für Sie gleichberechtigt? Was sagt der Koran dazu?
Aydin: Ja, sie sind es. Ich glaube nicht, dass laut Koran Frauen benachteiligt sind. Alle Menschen sind gleichwertig. Meine Mutter ist nie ein paar Schritte hinter Papa hergelaufen, sie hat seit 30 Jahren den Führerschein.

Wenn Sie später heiraten möchten – muss es eine Türkin oder türkischstämmige Deutsche sein?
Aydin: Ich bin ein rational denkender Mensch.  Es gäbe viel Konfliktpotential bei einer christlichen Deutschen, zum Beispiel, ob das Kind getauft wird oder in die Moschee geht. Aber ich kenne viele, die Deutsche heiraten, da kommt jetzt ein Umbruch.

Und wenn eine deutsche Frau den Islam angenommen hat – käme dann für Sie eine Heirat infrage?
Aydin: Da wäre ich offen. Aber ich bin glücklich an eine Deutschtürkin vergeben, deshalb ist das kein Thema.

Was sollte passieren, damit Integration besser funktioniert?
Aydin: Integration ist Reden. In der Offenburger Moschee ist zwei Mal im Jahr Tag der offenen Tür, das sollte man nutzen, um den anderen kennenzulernen. Integration wird oft einseitig verlangt, aber man sollte aufeinander zugehen. Wobei es hier in der Gegend nicht so viele Probleme gibt, größere jedoch in den Bundesländern weiter im Norden.  Wenn offensichtlich ist, dass in der Moschee ein Feiertag ist, könnte man auch mal einen Deutschtürken fragen: Was ist da los?

Solche Fragen stellen Deutschtürken jedoch auch nicht, wenn in einer Kirche etwas gefeiert wird.
Aydin: Wir kennen doch die deutschen Feste und die Gesellschaft.

Ein anders wichtiges Thema: Terrorismus. Kürzlich gab es in Schweden einen Anschlag. Ich habe den Eindruck, das islamische Organisationen oft bei solchen Anlässen schweigen, also keine Stellung dagegen beziehen.
Aydin: Es gibt einige, die es versuchen. Aber die Macht der Organisationen ist oft zu gering, um es nach außen zu tragen. Im Koran ist fest verankert, dass man nicht töten soll. Das Buch wird oft falsch verstanden. Ein Beispiel ist Dschihad, das wird mit „Heiliger Krieg“ übersetzt. Für mich ist es der Krieg mit mir selber, gegen den „inneren Schweinehund“. Also der Versuch, ein guter Mensch zu sein und auch den Pflichten gegenüber Gott nachzukommen. Es gibt aber Hassprediger, die den Leuten eine Gehirnwäsche geben. Meine Religion hat mit Terrorismus nichts zu tun. Mich betrübt der Hass gegen den Islam, in der Schweiz gibt es bereits ein Minarettverbot. Es gibt die Gefahr, dass wir in Deutschland auch einmal so weit sind.

Was sagen Sie  zu den Thesen von Thilo Sarrazin? Er sagte zum Beispiel: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“
Aydin: Er hat ein wichtiges Thema provokant angesprochen. Es ist richtig, das die Leute darüber reden. Aber der Islam ist oft nur negativ in den Schlagzeilen. Ich arbeite für ein gutes Image, aber das wird von den Medien kaputtgemacht. Zum Beispiel wird viel über Ehrenmorde berichtet. Aber wenn tief in Bayern ein christlicher Mann seine Frau umbringt, ist es ein Familiendrama – so ähnlich hatte es Hagen Rether, bei der „Scheibenwischer Gala 2007″ in der ARD gesagt. Über die guten Dinge wird kaum berichtet: Zum Beispiel haben wir ein Opferfest mit 600 Leuten gefeiert oder Geld für Pakistan gespendet – wobei es da schon wieder Leute gibt, die fragen, ob es Terroristen bekommen.

Was empfinden Sie bei den negativen Berichten?
Aydin: Ich werde angezweifelt. Das macht mich wütend. Ich bin schließlich kein Terrorist!
Zur Person:
Ömer Aydin (24) war in Heilbronn Student der Internationalen Betriebswirtschaft – Interkulturelle Studien und hat in sieben Semestern seinen Abschluss gemacht. In der Abschlussarbeit ging es um „Schariakonformes Portfoliomanagement“ von Aktienfonds. Wobei es da nicht um Theologie ging, sondern um Rendite von Portfolios mit für den Islamkonformen Aktien. Er war ein Semester in Spanien und ein Semester in Schweden. Aydin ist nun bei einem großen Autozulieferer in Bühl angestellt und besucht einmal im Monat eine Business School in Stuttgart, was der Arbeitgeber bezahlt. Damit will er den Master-Abschluss machen und sich die Chance auf die Promotion und damit einen Doktortitel erhalten.  In Offenburg hatte er die Kaufmännische Schule besucht. Ein Hobby von ihm ist Fußball, er ist beim Verein Ataspor Offenburg Torwart, davor hatte er 3,5 Jahre in Oberschopfheim gespielt.  Aydin und seine Eltern wohnen in Schutterwald. Sein Vater ist im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland gekommen, Ömer Aydin wurde hier geboren und hat den deutschen Pass, er ist gläubiger Moslem und gehört der Glaubensrichtung der Sunniten an.

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