Von Glasgow nach Deutschland

In diesem Bericht geht es um eine Reise auf dem Fahrrad von Glasgow nach Loch Ness und über die Highlands, England und Holland nach Deutschland im August und September 2010.


Alle Fotos können gegen Honorar in hoher Auflösung bestellt werden, E-Mail an schmellenkamp ÄT aol.com. Dabei bitte Bildnummer und das Medium nennen, in dem sie veröffentlicht werden sollen. Ich habe noch viele weitere Fotos – bei Bedarf bitte nachfragen. Ich betone, dass alle Rechte bei mir liegen. Das gilt auch für den Text.

Begegnungen mit interessanten Menschen und skurrile Erlebnisse in Großbritannien – mein Bericht wurde in ähnlicher Form als siebenteilige Serie im Offenburger Tageblatt gedruckt. Die oft in Reiseberichten genannten Details zum Wetter, den Schlafzeiten und ähnlich langweilige Aufzählungen habe ich weggelassen. Eine weitere Besonderheit: Oft erzähle ich nicht chronologisch.

Viel Spaß beim Lesen!
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Wem es gefällt:  Mehr davon gibt es in meinem Buch über den „Southern Tier“ – eine Radroute durch den Süden der USA von Kalifornien nach Florida.
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Teil 1: Auftakt, Messer und ein vermisstes Fahrrad

Fast immer macht man im Leben Kompromisse. Auch die ungewöhnliche Reise von Glasgow in die Ortenau fängt mit einem Kompromiss an: Mein Urlaub soll möglichst umweltverträglich sein, andererseits möchte ich weit weg. Und mein eingerostetes Englisch soll wieder flüssig werden.  Zudem möchte ich gern etwas für die Gesundheit tun und andere Menschen kennenlernen. Also viele Wünsche.

Ergebnis: Zuerst steht – als Kompromiss nicht gerade »öko« – ein Flug für mich samt Fahrrad als Gepäckstück ab Basel nach Glasgow an. Dann eine Runde mit dem Rad (also sehr »öko«!) durch Schottland. Danach geht’s auf dem Nordseeküsten-Radweg Richtung Süden durch England, ab Harwich mit der Fähre nach Rotterdam und schließlich möglichst flott rund 600 Kilometer den Rhein entlang bis nach Offenburg.

Per Auto sind das bei direkter Route 1400 Kilometer. Mit der Runde durch Schottland, Abstechern zu Sehenswürdigkeiten und der etwas längeren Strecke entlang der Nordsee rechne ich grob mit 2500 Kilometern. Bei veranschlagten 45 Tagen sind dies 55 Kilometer täglich. Gestartet bin ich ab Flughafen Basel und nachmittags bei Glasgow angekommen.

Der Auftakt verlief nicht ganz nach Plan: In Heathrow bin ich umgestiegen, das Bodenpersonal hat das Rad nicht in den neuen Flieger gepackt. Also zwei Stunden warten auf dem Flughafen Glasgow, der nächste Flieger hat es an Bord, sagt der freundliche Angestellte der Anteilung »Vermisstes Gepäck«. Zwei Stunden warten bis 18 Uhr. Doch auch dieses Flugzeug spuckt mein Rad nicht aus. Nun sollte es, so der Gepäck-Experte, in einer Stunde kommen, und zwar ganz sicher. Verspätet um 20 Uhr kommt das Rad dann an. Es folgten die ersten 31 Kilometer Richtung Loch Lomond.

Mangels Campingplatz habe ich mein Zelt nachts am Fluss aufgeschlagen – und morgens gleich eine unangenehme Begegnung mit schottischen Einwohnern gehabt. Dazu gleich mehr!

Glasgow (620 000 Einwohner) habe ich ausgelassen und bin gleich Richtung Nordwesten gefahren: Die »Stadt der Messer« wird sie auch genannt. Es gibt laut »Geo Special Schottland« 170 Banden in der Stadt, das Messer ist traditionell ihre bevorzugte Waffe. Die Chirurgen eines einzigen Hospitals im Osten der Stadt flicken 1700 Stichwunden im Jahr zusammen. Da fahre ich doch lieber zu »Nessie«, das scheue Ungeheuer hat bisher noch niemanden gebissen. Ein Klischee stimmt weder statistisch noch bei meiner Ankunft: Es regnet nämlich nicht, die Sonne scheint – das wurde jedoch anders …

Was ich jedem empfehle, der eine längere Radtour macht: mindestens ein Wochenende testen, ob Material wie Zelt, Kocher, Schlafsack und so weiter den Anforderungen entsprechen und das Fahrrad einwandfrei läuft. Sehr wichtig ist, dass die Körperhaltung auf dem Rad möglichst langstreckentauglich ist. Lenkerbreite, Abstand Sattel-Lenker und Rückenhaltung müssen über Stunden angenehm sein. Und der Sattel sollte zum Hintern passen! Das sollte unbedingt vorher ausprobiert werden: Nicht wenige Reiseradler müssen wegen eines schmerzenden Hinterteils pausieren oder abbrechen.  Zur Ergonomie gibt es in meinem Buch „Fahrradfahren ultraleicht“ ein Kapitel.

Teil 2: Von Blutsaugern und Nessie

Im ersten Teil hatte ich eine unangenehme Begegnung mit schottischen Einwohnern nach der ersten Nacht im Zelt angedeutet. Sie kamen gleich nach dem Aufstehen.
Zu Hunderten.
Midges.
Man hört sie nicht, man spürt sie aber: Wenn sie stechen, juckt es sofort. Die bis zwei Millimeter großen Tierchen zu verjagen, macht keinen Sinn, es hilft nur Flucht – sie kommen stets in Schwärmen. Die Midge benötigt eine jährliche Niederschlagsmenge von über 1250 Millimeter, um sich wohl zu fühlen, und sie kommt nur bei bedecktem Himmel hervor. Aber den gibt es in Schottland oft. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es 15-mal am Tag regnet. Also erschwerte Bedingungen für Radler. Die Viecher sollen so viele Touristen abschrecken, dass die Umsatzverluste bei Millionen Euro liegen.

Zur Route: Ich bin vom Flughafen bei Glasgow Richtung Nordwesten gefahren. Am Loch Lomond (Lochs sind Seen oder Meeresarme) entlang ging es weiter, habe am zweiten Tag in einer Austern-Bar am Loch Fyne fürstlich gespeist (später mehr dazu), bin dann zum Städtchen Fort William gefahren und dann entlang des rund 100 Kilometer langen Kaledonischen Kanals, der 1822 angelegt wurde, um den Schiffen die gefährliche Fahrt um den Nordzipfel Schottlands zu ersparen. Beim Kanalbau wurden Seen in den Schiffahrtsweg integriert, auch Loch Ness.

Der Kaledonische Kanal beginnt im Süden bei Fort William. Wie jeden Tag bei meinem Aufenthalt in Schottland regnete es auch an diesem.

 

Am Kanal gibt es viele Schleusen, hier samt Wärter.

Bei Fort Augustus.

Und da treffe ich Steven Feltham, der in einem alten Wohnwagen in Dores direkt am See lebt. Er hat vor 19 Jahren einen Traum verwirklicht: zum Loch Ness ziehen und versuchen, Nessie zu finden.

Steve Feltham bastelt in seinem Wohnwagen Nessies.

Ich störe ihn bei der Arbeit, er bastelt nämlich aus einer speziellen Knetmasse kleine Nessie-Figuren und verkauft sie an Touristen. Er lädt mich in seinen Wohnwagen ein, ich sitze auf dem Sofa, er bastelt weiter Figuren. »Ich bin das ganze Jahr über hier«, erzählt er. Er hat zwei Ferngläser, mit denen er bei gutem Wetter direkt aus dem Fenster seines Wohnwagens den See beobachten kann. Vor ungefähr acht Jahren habe er Nessie im Wasser gesehen. Genauer gesagt: eine große Gischtwelle. »Und ein Freund von mir hat ein Boot mit dem besten Sonargerät, das es am See gibt. Wir waren damit unterwegs. Auf dem Bildschirm werden kleine Punkte angezeigt, das sind Fische. Wir haben aber auch große Punkte gesehen.«
Nessies?
Steven Feltham druckst etwas herum.

Solche Figuren bastelt Feltham am Loch Ness.

Solche Figuren bastelt Feltham am Loch Ness und verkauft sie an Touristen.

 

Feltham vor seinem Wohnwagen am Nordzipfel von Loch Ness im Örtchen Dores.

So sieht Feltham Loch Ness - oder besser: So ähnlich, je nach Wetter.

Nun begutachten Kunden seine Figuren vor dem Wohnwagen. Er geht nach draußen, redet mit einem jungen Paar. Die Holländer kaufen für 40 Pfund ein. Feltham kommt zufrieden zurück: »Das Geschäft läuft im Som- mer knapp zwei Monate. Da muss ich sehen, dass ich so viel verkaufe, dass ich auch im Winter genug Geld habe.« Dann erklärt er seine Theorie zu Nessie: Das Seeungeheuer sei in Wirklichkeit ein riesiger Fisch. »Vielleicht ein Wels oder Katzenfisch.« Schließlich würden Lachse im See bis zu einem Meter groß werden und anderswo gäbe es Welse, die einige Meter lang sind. Und wieso sehen seine Figuren nicht wie ein Fisch aus? »Weil sie die Touristen dann nicht kaufen würden!«

Feltham lebt in einem wenige Quadratmeter großen Wohnwagen, in dem ein Bett, einen Tisch und ein Klavier stehen. »Ich liebe es zu spielen. Aber niemand, der mich hört, würde sagen, dass ich es kann. Ich bin ein Krachmacher.« Außerdem hat er viele Bücher – darunter eines über den mysteriösen »Big Foot« geschrieben. Laut Legende lebt das Wesen in den Wäldern Nordamerikas. Und eines mit dem Titel »Lake Monster Traditions«. Und was sagt seine Familie dazu, dass er seinen Job aufgegeben hat und am See lebt? »Die sind glücklich, weil sie wissen, dass ich das mache, was mir gefällt.« Wir verabschieden uns, Feltham bastelt wieder an seinen Figuren.

Die Fahrt verläuft bisher nach Plan. Die bisherige Kilometerbilanz pro Tag: Dienstagabend 31, dann 94, 104, 59 und 79 Kilometer. Sonntag war Ruhetag. Ausgerechnet hatte ich, dass ein Schnitt von 55 Kilometern pro Tag reicht, um in sechs Wochen die Runde durch Schottland und die Fahrt nach Offenburg zu schaffen. Nun geht es weiter nach Inverness, dann biege ich südöstlich ab in die Highlands.

Schaufenster in Inverness mit Clan-Kleidung.

Mann und Fahrrad sind wohlauf. Die Fahrt ist allerdings bisher anstrengender als gedacht: Bei starkem Wind, bis zu 15 Regenschauern täglich, Steigungen über 18 Prozent und manchmal mehr als 1000 Höhenmeter bei einer Tagestour ist starke Willenskraft und Kondition wichtig. Vor allem, wennn alles zusammenkommt: Gegenwind, Regen und bergauf.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf dem Campingplatz von Auchnahillin südöstlich von Inverness auf der Veranda des Empfangsgebäudes. Fürchterliche Geräusche kommen aus dem ersten Stock des Hauses. Ich muss mich stark konzentrieren, um dabei schreiben zu können. Um was es sich dabei handelt – es war schon zweimal in Schottland verboten  – lesen Sie in Teil 3.

Dieser Schotte reiste mit dem Rad von der Südspitze Großbritanniens an die Nordspitze - "End to End" wird die Tour genannt. Das Foto entstand in den Highlands. Übrigens: Solche Reiseräder sind außerhalb von Deutschland üblich: Rennradlenker und eher schmale Reifen.

Der Autor in den Highlands vor Schildern für Radler.

 

Teil 3: Tausende Nadeln stechen ins Gesicht

Die fürchterlichen Geräusche, die mich beim Schreiben störten, produzierte der Sohn der Campingplatz-Wirtin, der mit seinem Dudelsack übte – und offensichtlich ein Anfänger war. Selbst wenn ein Könner dieses Instruent spielt, empfinde ich das als Lärmbelästigung. Was Tom Gibson absonderte, war viel schlimmer.  Die Übungen habe ich jedoch damit unterbrochen, dass ich den 17-Jährigen in ein Gespräch über sein Instrument verwickelt habe.

Tom Gibson und sein Dudelsack.

Ein Schotte aus dem Bilderbuch: Tom Gibson und sein Dudelsack.

Der Dudelsack war übrigens zweimal in Schottland verboten: 1560 nach der Reformation und zweitens im Jahre 1746 nach der Schlacht von Culloden. Dies nicht wegen des Lärms, sondern weil der Dudelsack zum einen als Kriegsinstrument galt und zum anderen sozusagen ein Teil des Freiheitskampfes der Schotten gegen die Engländer war. Der Kampf dauerte lange und war 1999 erfolgreich: Seitdem hat Schottland nach einem Wählervotum ein eigenes Parlament, bis auf Außenpolitik und wichtige Themen im Bereich Wirtschaft und Finanzen wird dort fast alles bestimmt. Und die Stimmen für eine völlige Unabhängigkeit sind seitdem lauter geworden.

Brücke in Carr Bridge.

 

 

 

 

Oft steil, immer windig und meist Regen: Unterwegs in den Highlands.

 Den letzten halben Kilometer zum Lech-Pass auf 633 Metern Höhe schiebe ich mein Rad: Es ist steil, Wind von vorn und es regnet in den schottischen Highlands seit Stunden in Strömen. Die dunklen Wolken lassen am späten Nachmittag kaum Sonnenlicht durch, doch von weitem sehe ich einen Sessellift. Die Sitzbänke schweben den Berg hoch und herunter. Im Winter wird hier Ski gefahren.
Aber wieso läuft der Lift jetzt? Kein Mensch ist zu sehen. Gespenstisch.
Dann der Pass.
Geschafft!
Nun eine steile Abfahrt. 60 Kilometer pro Stunde zeigt der Tacho. Regentropfen werden bei dem Tempo zu Nadeln, die ins Gesicht stechen.
Tausende.
Mühsam hatte ich heute auf 70 Kilometern um die 900 Höhenmeter bei starkem Gegenwind erstrampelt. Bei jedem Tritt oder Schritt quillt nun Wasser aus den Schuhen, ich bin durchnässt und erschöpft. Nun habe ich die Abfahrt hinter mir, aber es geht schon wieder aufwärts.  Nimmt das gar kein Ende? In diesem Moment sage ich mir zum ersten Mal: »Die Fahrradfahrt von Glasgow nach Offenburg war keine gute Idee.«
Noch ein paar Kilometer weiter, dann biege ich in einen matschigen Feldweg ein. 15 Minuten später stehe ich vor Jenny, die mitten in den einsamen Highlands ein winziges Häuschen in ein Hostel umgebaut hat. Gerettet!

Jennys eigenes Wohnhaus in den Highlands.

 

"Jennys Bothy" - sozusagen ein umgebauter Stall.

 

Und so sieht es innen aus.

Sofort lege ich Holzscheite in den Ofen, Minuten später knistern sie in den Flammen. Im Häuschen ist es höchstens 14 Grad kühl, obwohl wir Mitte August haben, doch schnell wird es warm. Dort bleibe ich auch den nächsten Tag – es regnet weiter in Strömen.

Am Morgen darauf ist der Himmel kaum bewölkt. Ich belade das Rad und starte um 8 Uhr. 20 Kilometer weiter erreiche ich Balmoral, das Schloss ist Sommerresidenz der Queen. Das Volk darf nur Ballsaal und Park besichtigen – die Privaträume sind nicht zugänglich. Und wenn die Königin anwesend ist, kommen nur Bedienstete ins Schloss. Das ist der Fall. Also fahre ich weiter nach Braemar.

Braemar Castle.

Weil es mit Balmoral nicht geklappt hat, besichtige ich dort eine Burg. Die Fahrt macht wieder Spaß. Es geht weiter bis kurz  vor Perth: Stolze 115 Kilometer an einem Tag. Zwischendurch habe ich mit 70 Kilometern pro Stunde die bislang höchste Geschwindigkeit auf der Fahrt erreicht.

Was im Ausland immer interessant ist, sind landestypische Spezialitäten. Probiert habe ich auf meiner Fahrt von Glasgow nach Offenburg das berühmteste aller schottischen Gerichte: Haggis.

Heiß, fettig und nicht für jeden Geschmack: Haggis (oben), ein Fishcake und Pommes.

Der gefüllte Schafsmagen sieht aus wie eine dicke Wurst. Darin sind unter anderem Nierenfett, Schafsleber- und -herz, Hafermehl, Zwiebeln und Muskatnuss versteckt. Haggis hat eine feste Konsistenz und schmeckt pikant – aber sehr ungewöhnlich. Zugegeben, der erste Bissen hat mir gemundet. Nach der halben Portion spürte ich dann jedoch einen heftigen Widerwillen aus meiner Magengegend. Ich möchte Haggis niemals wieder in meinem Leben essen.

Das gilt künftig auch für Austern. Eine einzige habe ich nämlich in der berühmten »Oyster Bar« am Loch Fyne zu Anfang der Reise probiert. Außerdem kam dort schottischer Lachs auf meinen Teller – ein Genuss! Er ist deutlich besser als der norwegische, den es in deutschen Supermärkten gibt: weniger Fett und besserer Geschmack. Hervorragend waren auch vier Portionen auf verschiedene Art eingelegte Heringe. Die Fische sind nicht vergleichbar mit dem, was es bei uns für 1,99 Euro für ein Glas als »Bismarckhering« angeboten wird.

Austern, Lachs und Heringsvarianten: Wer Meeresfrüchte und Fisch mag, der sollte die Oyster Bar besuchen

 

In der vierten Folge geht es unter anderem darum, wieso man das Vereinigte Königreich nicht als England bezeichnen sollte. Ich berichte außerdem über seltsame Hausnamen und das nördlichste Bollwerk der Römer.

Teil 4: Schreckliche Schreie aus der Dusche

Auf meiner 2500 Kilometer langen Radtour von Glasgow nach Offenburg habe ich in  Edinburgh nur einen Tag verbracht. Dort finden im August viele Festivals statt. Die Stadt ist dann Touristenmagnet und entsprechend überlaufen. Unter anderem zieht das »Tattoo« viele Besucher an. Dabei handelt es sich nicht um Treffen Tätowierter, sondern von Militärkapellen. Gespielt wird auf dem Vorplatz der Burg, wo es riesige Zuschauertribünen gibt.

Edinburgh - eine etwas unübliche Stadtansicht.

 

Bamburgh Castle südlich von Berwick in Nordengland.

 

Golfspieler beim Dunstanburgh Castle, ebenfalls südlich von Berwick und direkt am Meer.

 

Für mich geht es weiter an der Ostküste entlang, am zweiten Tag nach Edinburgh passiere ich die Grenze von Schottland zu England. Den Übergang kann man nur daran erkennen, dass statt der schottischen Fahnen auf Autos und an Häusern nun englische zu sehen sind. England ist ein Teil Großbritanniens, deshalb ist es falsch, alle Briten als Engländer zu bezeichnen und das Inselreich als England. Es wäre so, als ob die
Engländer – Verzeihung: Briten! – Deutschland und seine Einwohner als Bayern bezeichnen würden. Und noch etwas ändert sich: das Wetter. In Schottland hatte ich jeden Tag Regen und es war kühl – nun
fast immer Sonne und es ist wärmer. Der Osten Englands ist niederschlagsarm und hat milde Sommer.

Was sich mit dem Grenzübergang nicht ändert, ist das eigenartige Verhältnis der Inselbewohner zu Wärme und Kälte. Egal ob Schotte oder Engländer: Auch bei 15 Grad wird kurze Hose oder Rock zu T-Shirt getragen. Adererseits ist ein Strandbesuch in langer Jeans und mit Pullover nicht ungewöhnlich. Die Briten scheinen auch gegen Hitze unempfindlich zu sein: Auf den Campingplätzen ist das Wasser extrem heiß.

Das Wasser aus den Hähnen ist häufig fast kochend heiß, Mischbatterien gibt es bei den Briten fast nie. Hier auf einem Campingplatz nördlich von Newton.

Und weil es statt Mischbatterien zwei Hähne gibt, hat man nur die Wahl zwischen eiskalt und verbrühen.
Eine Lösung für das Problem hatte der Campingplatzbesitzer in Fort Augustus am Loch Ness gefunden: Es gibt in den Duschen nur einen Knopf. Drückt man den, wird man mit beinahe kochendem Wasser übergossen.  Die Schreie im Sanitärhäuschen waren schrecklich.

Viele Campingplatzbetreiber haben das anders gelöst. So wie bei Ashington: Dort sind bei den Waschbecken englischsprachige Aufkleber »Aufpassen. Das Wasser ist sehr heiß« zu sehen. So weiß jeder, was ihn erwartet. Ein Zukunftsmarkt für deutsche Installationsfirmen.

Doch zurück zur Reise: North Shields liegt wenige Kilometer östlich von Newcastle. Diese Stadt hat zwei Besonderheiten: Zum einen verläuft ein 300 Meter langer Doppeltunnel getrennt für Fußgänger und Fahrradfahrer unter dem Fluss Tyne hindurch, der durch Newcastle fließt. Nach unten kommt man über Rolltreppen oder Lifte. Allerdings war beides defekt, als ich dort ankam. 

Die Rolltreppe ist defekt - also runterschleppen.

 

Der Autor mit Tunnelblick.

Also habe ich  knapp 30 Kilo Fahrrad samt Gepäck 26 Meter Höhenunterschied die stehende Rolltreppe heruntergeschleppt. Ein anderer Radler hat unten ein Bild von mir gemacht und auf der anderern Seite des Flusses habe ich alles wieder hochgezerrt. Übrigens: Der Tunnel wurde bereits 1951 eröffnet. Und die alte Technik funktioniert oft nicht, erzählte mir der hilfreiche Radler.

Die zweite Besonderheit von Newcastle: Dort beginnt der Hadrianswall, das nördlichste Bollwerk der Römer. 

In Newcastle stand ein Teil des Hadrianswalls. Hier ein nachgebautes Gebäude der Befestigungsanlage.

Er reichte quer durchs Land bis zur Westküste. Die Schotten waren nämlich damals unangenehme Gesellen. Südlich von Newcastle habe ich den 1000. Kilometer meiner Tour von Glasgow nach Offenburg hinter mich gebracht. Bis auf einen Platten hatte ich noch keine Pannen. Und mittlerweile fühle ich mich topfit. Mein gestecktes Ziel von 55 Kilometern Durchschnitt pro Tag habe ich überschritten.

Nun wage ich ein Experiment: Ich fahre bis Hull rund 200 Kilometer ganz ohne Karte (für die anderen Gebiete habe ich spezielle für Radler dabei). Deshalb frage ich in vielen Orten nach dem Weg – grob Richtung Süden und Küste. Kuriosum: An vielen Haustüren gibt es keine Klingel. Deshalb muss man klopfen. Zudem sind an den Häusern oft keine Nummern angebracht. Die Besitzer haben ihnen jedoch Namen gegeben. Die entsprechen aber oft eher Wunsch statt Wirklichkeit. Von »Seaview« sieht man möglicherweise statt des Meeres ein tristes Industrieviertel.  

Und die gibt es über viele Kilometer südlich von Newcastle. Überall rauchen Schlote, stehen Fabriken, riecht es mancherorts nach Chemikalien. Auf den Bürersteigen der Orte wie zum Beispiel Redcar sieht man viele bullige junge Männer, die von Kampfhunden in den nächsten Pub gezerrt werden. Und minderjährige Mädchen schieben Kinderwagen. Wohl eine typische Arbeitergegend.  Wahrscheinlich hätte ich diese nicht gesehen, wenn ich der Route auf einer Radwanderkarte gefolgt wäre. Die führen nämlich nur in die schönen Gegenden der Insel.

Südlich von Newcastle: Ein Industriegebiet mit rauchenden Schloten.

Bis auf diesen Küstenstreifen ist die Landschaft an der Ostküste lieblich:  Hecken an den Feldern, Wiesen, kleine Wäldchen, Klippen, Dünen, Strände, alte Häuser und außerdem viele Touristen. Die sind zu 99 Prozent Briten.

Südlich von Saltburn sehe ich einen Mann auf einem Acker, der etwas macht, was in Deutschland streng verboten ist – aber hier ein legales Hobby tausender Briten. Ich spreche ihn deshalb an. Mehr dazu dazu im nächsten Teil! Außerdem geht es in der Folge 5 um riesige Betonschüsseln, über die vor 90 Jahren Motorengeräusche zu hören waren.

 

Teil 5: Feindliche Flieger und Schätze im Boden

Das erste Mal in meinem Leben habe ich bergab ein Rad geschoben: Bei meiner Radtour von Glasgow nach Offenburg war der Wind von Hull Richtung Osten auf einer schmalen Landzunge so stark, dass ich – 80 Kilo-
meter hatte ich an dem Tag bereits hinter mir – einfach nicht mehr dagegen ankam. Mal fuhr ich im dritten Gang bei etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit, dann schob ich wieder.

Der Sound Mirror von der Rückseite.

 

Und von vorn. Der Trichter fing das Motorengeräusch der Bomber auf, die Schallwellen wurden auf ein Mikrofon auf der Stange gebündelt - ein Frühwarnsystem im Krieg.

Doch ich hatte ein Ziel, das in keinem Reiseführer steht: der »Sound Mirror« auf einen Acker bei Kilnsea. Das ist ein haushohes Bauwerk aus Beton, sozusagen eine Riesenschüssel mit fünf Metern Durchmesser in Richtung See. Dort steht kein Hinweisschild, obwohl die Briten manchmal selbst auf nicht mehr vorhandene Denkmäler mit einer Plakette verweisen.

»Heritage« ist das Stichwort: Alles, was als nationales Kulturgut gilt, wird liebevoll gepflegt und fast immer vermarket. Dies gilt von der Burg bis zum Telefonhäuschen. Manchmal wirkt es wie Disneyland, wenn zum Beispiel ein altes Schiff zu besichtigen ist, daneben allerlei alte Handwerke live präsentiert werden und die Besucher die Produkte kaufen können. Dafür muss man ein üppiges Eintrittsgeld zahlen.

Zurück zur Riesenschüssel, die selbst viele Einheimische nicht kennen: Der „Sound Mirror“ ist sozusagen ein Vorläufer des Radars. An der Ostküste wurden diese Lauschgeräte zwischen 1916 und 1930 an vielen Stellen gebaut – streng geheim versteht sich. Damit sollten die feindlichen Flieger – also deutsche – frühzeitig gehört werden. Funktionsprinzip: Der Motorenlärm wird von der Schüssel auf eine Stange gespiegelt, an der ein Mikrofon angebracht ist, dann verstärkt und von einem Soldaten abgehört. Schnellere Flugzeuge verringerten den Zeitvorteil vor der Sichtung, Radar machte die »Sound Mirrors« überflüssig.

Übrigens: Der Zweite Weltkrieg und Hitler ist ein Thema, über das viele Briten gern reden. Dabei haben sie oft erstaunlich gute Geschichtskenntnisse. Das gilt auch für Leute mit verwaschenen Tätowierungen auf den Oberarmen, denen man viel Bildung gar nicht so zutraut. Solche Tätowierungen hat auch Robert Campbell. Und
wie sich herausstellt, weiß er viel über die Siedlungen der Römer. Ich sehe ihn auf einem Stoppelacker südlich von Saltburn, er geht dort hin und her und bewegt dabei einen Metalldetektor. Ich spreche ihn an. Auf dem Land sei mal ein Fort der Römer gewesen, er suche nach Münzen und anderen metallischen Gegenständen. 

Schatzsucher Robert Campbell.

»Ich mache das immer sechs Wochen im Jahr zwischen der Ernte und dem Herbst an verschiedenen Orten«, erklärt er und erläutert mir dann die lokale Geschichte. Stolz erklärt Campbell, dass er schon an einer anderen Stelle eine silberne Münze der Römer gefunden hat und mal ein rund 100 Jahre altes Teil einer silbernen Taschenuhr. »Aber noch kein Gold«, bedauert er. In Deutschland ist sein Hobby, das er mit tausenden Briten teilt, streng verboten. Unter anderem deshalb, weil die Hobby-Archäologen und Schatzsucher die Fundorte zerstören und damit die Funde nicht mehr zeitlich zuzuordnen sind.

Dann spricht Campbell von der Fußball-Weltmeisterschaft. Die deutsche Mannschaft sei sehr gut gewesen. Und begeistert war er von der Fernsehübertragung der deutschen Sender, die die Spiele viel besser zeigen würden als die britischen.

Von Hull fahre ich weiter Richtung Süden – jetzt wieder nach Fahrradkarte – und komme nach Market Rasen. Von dort radle ich dann den Fluss Witham entlang. Da sehe ich ein schönes Hausboot. Ein älterer Mann verlässt es mit seinem Hund. Ich begrüße ihn und frage: »Leben viele Briten auf solchen Booten, oder werden sie nur für die Ferien genutzt?« Er sagt, dass sie fast nur für Urlaube gemietet werden. »Jenny und ich haben uns ein ›Narrow Boat‹ gekauft, erzählt Dick Saint bereitwillig weiter. Es ist nur 2,10 Meter breit, weil viele Kanäle in England schmal sind. »Wir haben in England 2000 Meilen Kanal, wo wir fahren können«, erklärt mir Dick Saint.  
Ich hatte gedacht, dass das Hausboot schon sehr alt ist, aber er klärt mich auf: »Es hat erst acht Jahre auf dem Buckel.«

Dick Saint und das Narrow Boat der Familie.

Die meisten Briten bevorzugen eine altmodische Optik, das gilt vor allem bei Häusern, aber auch bei Booten. Er lädt mich dazu ein, dass Boot zu besichtigen: Vorn eine Art Wohnzimmer mit Holzofen (es hat auch Zentralheizung mit Öl), dann folgen Küche, Bad und Schlafzimmer. Es sieht alles sehr gemütlich aus. Wir unterhalten uns noch ein wenig, dann legen beide ab und tuckern mit sieben Kilometer pro Stunde dem Ort Bardney entgegen.

Bis zum Fährhafen Harwich habe ich 1825 Kilometer in 25 Tagen zurückgelegt. Geplant waren 55 pro Tag, damit ich es in sechs Wochen von Glasgow nach Offenburg schaffe. Bisher sind es also 73 Kilometer pro Tag: Ich bin zufrieden. Jetzt geht es ab Rotterdam immer den Rhein hoch. In Holland werde ich etwas besuchen, was jedes Rad- lerherz höher schlagen lässt – dazu mehr im nächsten Teil.

Teil 6: Lieblingsmaler im Radlerparadies

Auf meiner Radtour von Glasgow nach Offenburg verlasse ich jetzt die Insel. Die achtstündige Fahrt nachts mit der Fähre von Harwich nach Hoek van Holland bei Rotterdam kostet umgerechnet rund 70 Euro für die Überfahrt eines Passagiers samt Rad. Dafür gibt es eine Einzelkabine samt eigener Nasszelle – das ist billiger als viele Hotels. Morgens um 8 Uhr radeln die Schüler in Holland zur Schule – und ich nach Delft.

Radlerschilder im Fahrradparadies Niederlande.

 

Delft.

 

Unbedingt besuchen! Das Vermeer Zentrum.

 Dort hatte einer meiner Lieblingsmaler gelebt: Jan Vermeer van Delft  (getauft 31. Oktober 1632, begraben 15. Dezember 1675 in Delft). Dort besuche ich eine Ausstellung, in der Reproduktionen aller seiner rund 40 Bilder gezeigt werden. Er gilt als »Meister des Lichts«. Was mich – und andere – jedoch an den Bildern fasziniert, sind ihre Geheimnisse. Gesten, Symbole, Details, Blicke, die auf etwas hinweisen oder eine Bedeutung zu haben scheinen. Man weiß jedoch oft nicht, welche.  

Tipp: Im Film »Das Mädchen mit dem Perlenohrring« mit Scarlett Johansson geht es um den Maler und die Entstehung dieses Gemäldes – er hat nur rund 40 gemalt. Delft ist eine wunderschöne Stadt mit vielen Kanälen im Zentrum und alten Häusern, die steingewordener Beweis für den Reichtum in den vergangenen Jahrhunderten sind.

Weiter geht es nach Rotterdam – die Stadt hat moderne Bauten am Rhein (der in Holland Waal genannt wird), aber auch viele trostlose Ecken. Die Deutschen haben die Stadt im II. Weltkrieg stark zerstört. Holland ist ein Radfahrerparadies, vor allem im Vergleich zu Großbritannien. Autofahrer halten schon an, wenn man nur den Anschein erweckt, irgendwo eine Straße überqueren zu wollen. Es gibt sehr viele Straßenschilder speziell für Radler mit Entfernungsangaben und Übersichtskarten. Außerdem sind die Radwege oft doppelspurig und als »Schnellstraßen« gebaut: Man fährt flott durch die Städte, muss manchmal über Kilometer nicht anhalten, der Fahrbahnbelag ist topfeben. Außerorts sind die »Radwege« oft wenig befahrene Autostraßen. Glasscherben habe ich bis jetzt nirgends gesehen. Scherben lagen dagegen oft auf den holprigen Radwegen in den Ortschaften in Großbritannien – falls es dort überhaupt welche gab.

Hinter Rotterdam schlage ich auf einem Campingplatz in Dordrecht mein Zelt auf. Das eines anderen Radlers steht bereits. Ich lerne Chris Jones aus Wales kennen, der 20 Jahre in der Musikszene von Manchester aktiv war.
Er hat am Mischpult für eine Band bei weltweiten Auftritten den Sound gemacht, verrät er mir.  Nun hat er sich  aus der Musikszene zurückgezogen und zeigt Rentnern, wie sie mit Computer und Internet zurechtkommen.
Wir erzählen uns den ganzen Abend Reiseanekdoten.  Er ist einer von einem halben Dutzend Radlern, die ich unterwegs kennengelernt habe. Auf den Campingplätzen findet man schnell Kontakt. Den hatte ich auch in Edinburgh zu einem Pärchen, das mich eingeladen hat, bei ihm in Nijmegen zu übernachten. Kurz vor der Stadt hatte ich meinen 2000. Kilometer auf der Fahrt von Glasgow nach Offenburg erreicht. Vor Nijmegen geht es an Kanälen entlang, auf denen an einer Stelle viele verschiedene Hausboote nebeneinander liegen.

 

Hausboote nördlich von Nijmegen.

 

 In Nijmegen habe ich eine Pause eingelegt und mich zwei Tage aufgehalten. Und viele Stunden im Museum Velorama verbracht. Es ist einzigartig auf der Welt – die größte Sammlung alter Fahrräder, die es gibt. Siehe separater Text mit vielen Bildern. Nach der willkommenen Pause fuhr ich weiter den Rhein entlang. Dann passiere ich die Grenze zu Deutschland. In der letzten Folge geht es um die Strecke bis Offenburg. Zudem gibt es Empfehlungen zu Touren in Großbritannien sowie allgemeine Tipps zu Radreisen.

Teil 7: Nach Hause und Fazit

Nachdem ich die Grenze von Holland nach Deutschland passiert hatte, schlug ich mein Zelt bei Kalkar auf einem Campingplatz auf. Der war übrigens der schlechteste der ganzen Reise: Schmutzig, auf den Toiletten fehlte die Brille des »Throns« und das Papier musste man selbst dabeihaben.
Weiter ging es den Rhein hoch, wobei ich  in Dinslaken und bei Köln Halt machte, um Verwandte zu besuchen. Eine Familie war indes krank, fast alle hatten eine leichte Erkältung. Und das hatte für mich Folgen: Bei der Weiterfahrt wachte ich zwei Tage später in Remagen südlich von Bonn morgens mit Fieber, Husten und Schnupfen auf. An ein Weiterfahren war nicht zu denken. Und so beschloss ich, mit dem Zug nach Hause zu fahren. Auf dem Campingplatz wollte ich mich nicht auskurieren. Außerdem geht die Gesundheit vor.

Kleiner Trost:  2363 gefahrene Kilometer in fünf Wochen sind auch nicht schlecht. Zur weiteren Bilanz der Reise gehörten zwei Reifenpannen, ein verlorenes Rücklicht und acht verlorene Kilo. Der Blick daheim auf die Waage war eine schöne Überraschung. »Es war ein fantastischer
Urlaub«, lautet trotz aller Strapazen mein Fazit der Radtour. Ich habe Schottland, England und Holland kennengelernt, mein Englisch aufgefrischt, war bis auf den Hinflug umweltfreundlich unterwegs, traf viele interessante Menschen und habe etwas für meine Gesundheit getan -auch wenn die Reise mit einer Erkältung endete.

Deshalb möchte ich allen ans Herz legen, Ähnliches auch zu versuchen. Und zwar möglichst mit Campingausrüstung. Auf den Campingplätzen findet man nämlich schnell Kontakt zu andere (Rad)Reisenden.  
Wie auf einer Matratze Campen muss nicht mit unbequemem Liegen und stickigen Zelten verbunden sein. Es gibt moderne Isomatten in 63 Zentimeter Breite, die fast den Schlafkomfort einer Matratze bieten. Und auch bei den Zelten hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Auch, was das Gewicht angeht: Pro Person kann man gut ein Kilo Zelt rechnen, dazu eine der genannten Isomatten und 700 Gramm für einen Daunenschlafsack. Macht nur 2,5 bis drei Kilo Zusatzgepäck fürs
Campen.

Welche Länder sind empfehlenswert? Bei den von mir bereisten rate ich für »Anfänger« zu Holland: Kurze Entfernungen, keine Steigungen, aus der Ortenau gut erreichbar, viele Campingplätze und Sehenswürdigkeiten. Schottland sollte man nur per Rad erkunden, wenn man starken Wind, Regen und lange Steigungen als Herausforderung sieht und auch mal gern »wild« campt.  Landschaftlich ist Schottland im Westen reizvoller – aber auch bergiger und es regnet dort häufiger. Buchtipp: Kay Wewior: Das Schottland Radreisebuch.

England empfehle ich den Geschichtsinteressierten: Alte Burgen, Schlachtfelder, Reste der Römer und mehr gibt es an vielen Stellen zu besichtigen. Besonders schön für Radler ist die Ostküste nördlich von Newcastle – auch deshalb, weil es dort sehr trocken ist. 

Südlich davon wird die Landschaft recht eintönig.  Beste Jahreszeit ist der September. Es gibt mittlerweile für Europa viele Radtourenbücher, unter anderem locken »Klassiker« wie der Donau- oder Rheinradweg. Ein Bekannter von mir hat 2010 eine Radfahrt von St. Petersburg über Lettland, Litauen und Polen heim in den Schwarzwald gemacht – und war davon begeistert. Dabei ist er wie ich nur auf dem Hinweg geflogen.
Das hat einen Vorteil: Man muss das Rad nur einmal sorgfältig verpacken. Denn bei Flügen werden Räder zwar problemlos mitgenommen, aber vergleichsweise häufig vom Bodenpersonal beim Beladen des Fliegers beschädigt.  Aber egal, wo man unterwegs ist: Das Rad muss nicht das Teuerste sein. Hauptsache, es ist technisch in gutem Zustand, die Felgen sind stabil und die Sitzhaltung ist langstreckentauglich. Eine Federung halte ich für unnötig. Wer es komfortabel mag, sollte breite Reifen probieren.

Beim Gepäck gilt: Weniger ist mehr. Alles sollte möglichst leicht und klein sein. Als Kleidung ist Baumwolle ungeeignet, weil sie schwer ist und eine lange Trockenzeit benötigt. Synthetik ist erste Wahl. Mehr dazu in meinem Buch „Fahrradfahren ultraleicht. Material, Ausrüstung, Ergonomie“. Es gibt Navis für das Rad, aber ich rate davon ab. Sie sind teuer und zum Teil ist die Bestückung mit Karten aufwändig. Papierkarten sollten wegen eines eventuellen Ausfalls des Navis sowieso dabei sein. Rad und Ausrüstung sollten vor einer längeren Fahrt unbedingt bei einem Wochenendausflug ausprobiert werden: Dabei stellt man fest, das manches überflüssig ist, anderes fehlt und  womöglich ein neuer Sattel fällig ist.

Falls Sie das alles beherzigen, steht einem Abenteuer mit dem Rad nichts mehr im Wege.

 

 

 

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